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Tchibos Kunst-Melange

Stellungnahme des Bundesverbandes Deutscher Galerien und des Arbeitskreises Deutscher Kunsthandelsverbände zum Angebot vermeintlicher Original Lithographien von Pablo Picasso durch Tchibo direkt GmbH, Hamburg

gerahmtes Bild mit Kaffeebohnen

Seit dem 4. Mai 2007 bietet Tchibo im Rahmen seines Wohnaccessoire-Sortiments drei Blätter von Picasso an und wirbt damit

  1. im Internet: Gerahmte original Picasso Lithographien mit Echtheitszertifikat
    [mittlerweile sind die Blätter vergriffen - die Seite wurde gelöscht]
  2. im Prospekt Wohne lieber wunderbar, Seite 44
  3. im Sonderprospekt Picasso (quadratischer 6-Seiten-Leporello)

In allen drei Medien wird mit folgenden Schlagworten geworben: Original Picasso Lithographien bzw. Gerahmte Original-Lithographien mit Echtheitszertifikat - Limitierte Auflage, nur 1.000 Exemplare pro Motiv.

Der Sonderprospekt Picasso liegt derzeit in Tchibo-Läden in einem Display aus. Man kann die Blätter vor Ort weder ansehen, noch kaufen, sondern nur per Hotline (Tel. 01805-28 85) oder via Internet für jeweils 400 Euro erwerben (oder im Set für 1.000 Euro).

Auf der Rückseite des Prospektes ist zu jedem Blatt ein Zertifikat abgedruckt, dessen entscheidender Textinhalt jedoch nur mit einer Lupe lesbar ist. Auf der Internet-Seite sind die hier ebenfalls eingestellten Zertifikate nicht zu vergrößern bzw. zu entziffern.

Es handelt sich bei den drei angebotenen Blättern keinesfalls um Original Lithographien, sondern eindeutig um Reproduktionen nach Originalen von Picasso. Dies geht letztlich auch aus dem mühsam zu lesenden Kleingedruckten der Zertifikate hervor:

  1. Femme accoudée à sa fenêtre reproduziert ein Gemälde von 1936,
  2. Tête de femme reproduziert ein Gemälde von 1938,
  3. Tête de femme reproduziert ein Gemälde von 1958.

Unter dem Stichwort Information ist im Zertifikat ferner zu lesen: Limited edition re-creation of an oil on canvas by Pablo Picasso created … (es folgt die Jahreszahl).

Es ist also vollkommen irreführend, hier von einer Original-Lithographie zu sprechen. Dem Käufer wird durch diesen Begriff suggeriert, dass er eine echte, entsprechend wertvolle Picasso-Graphik erwirbt.

Der Entstehungszeitraum der Graphiken wird auf dem Zertifikat mit 1979 - 1982 angegeben. Picasso starb jedoch bereits am 8. April 1973.

Ein verbindlicher Begriff der Originallithographie ist in Deutschland durch den Zolltarif vorgegeben. Hierauf hat sich die Rechtsprechung bereits vielfach berufen (z.B. dann, wenn es um die Frage nach der Anwendung des reduzierten Mehrwertsteuersatzes geht): Unter einer Originallithographie versteht man den Abzug einer Druckgraphik, bei welcher der Künstler einen Druckstock aus Stein oder Metall eigenhändig bearbeitet hat. Diese Definition einer Lithographie ist in der einschlägigen Fachliteratur nachzulesen und hat auch in Kapitel 99 des Europäischen Zolltarifs sowie den dazugehörigen Brüsseler Erläuterungen Eingang gefunden. Dort heißt es zum Kapitel Originalstiche, -schnitte, -radierungen und -steindrucke (Lithographien):

Hierher gehören nur Stiche, Schnitte, Radierungen und Steindrucke, alt oder modern, die von einer oder mehreren vom Künstler vollständig handgearbeiteten Platten in beliebigen, jedoch keinen mechanischen oder photomechanischen Verfahren auf einen beliebigen Stoff in Schwarzweiß oder farbig abgezogen sind.

Da Picasso zur Zeit der Entstehung der von Tchibo angebotenen Blätter bereits verstorben war, kann er an der Herstellung der Graphiken nicht beteiligt gewesen sein und folglich kann es sich nicht um Original-Lithographien handeln - sondern nur um postume Reproduktionen.

Der Prospekttext ist auch in sich widersprüchlich. So heißt es: Auf 1.000 Exemplare limitierte Original-Lithographien von Pablo Picasso … und direkt darunter: Entstanden nach Originalen aus der angesehenen Sammlung von Marina Picasso.

Hier wird die Anpreisung der Originalität zwar relativiert - aber ohne dem Käufer den tatsächlichen Wert der angebotenen Blätter zu verdeutlichen, die mit 400 Euro pro Exemplar reichlich teuer erscheinen.

Der Hinweis auf die Sammlung der Enkelin von Picasso (Die erstklassige Provenienz aller von Marina Picasso autorisierten Editionen garantiert Ihnen den bleibenden Wert dieser Kunstwerke.) hat offensichtlich den Zweck, die angebotenen Reproduktionen zu nobilitieren. Wir konnten in Erfahrung bringen, dass nach dem Druck der fraglichen Objekte, also Anfang der 80er Jahre, bei den Picasso-Erben ein Streit darüber ausbrach, wer zur Vergabe von Lizenzen berechtigt ist. Da die Modalitäten damals offenbar noch nicht geklärt waren, wurden die Graphiken gewissermaßen eingemottet bis sie nach 25 Jahren wieder im Licht der Tchibo-Welt auftauchten.

In der Werbung heißt es ferner, dass sämtliche Blätter im Stein signiert sind. Im originallithographischen Oeuvre von Picasso - von den Plakaten (affiches) einmal abgesehen - ist jedoch kein Blatt bekannt, dass eine derart auffällige, fett gedruckte, pompöse Signatur unterhalb der Darstellung aufweist. Wenn im Kontext bildender Kunst von Signatur die Rede ist, dann ist natürlich die authentische Signatur des Urhebers gemeint. In Falle der Tchibo-Blätter ist die Signatur jedoch ebenso reproduziert und unauthentisch wie das Abbild.

Schon aus Gründen des Verbraucherschutzes (und unter Rekurs auf das geltende Kaufrecht) wäre es geboten, gegen diese Werbepraxis vorzugehen.

Editeure, Galerien und Kunsthändler haben ein legitimes Interesse daran, dass der Begriff der Originalität in Bezug auf Kunstwerke - und hier insbesondere in Bezug auf Druckgraphik - in seröser Weise angewandt wird.

In der Picasso-Werbung von Tchibo wird der Begriff der Originalität zur Verschleierung dessen instrumentalisiert, was Sache ist: nämlich, dass es sich um bloße, relativ wertlose Kunstdrucke handelt. Der Verschleierung dieses Sachverhalts dienen auch die übrigen Aussagen, etwa, dass die Blätter an der ehemaligen Wirkstätte Picassos in Paris gedruckt und in echtes Museumspassepartout gerahmt wurden.

(Birgit Maria Sturm, Stand 7. Mai 2007)

Nachtrag

Aufgrund der vorliegenden Initiative hat Tchibo in einer Pressemitteilung am 14. Mai 2007 zugegeben, dass es sich bei den Lithographien … nicht um von Pablo Picasso selber in Auftrag gegebene Lithographien handelt. Gleichzeitig wird Kunden, die sich wegen der unvollständigen Information in dem Prospekt verunsichert fühlen, die Möglichkeit eröffnet, die Lithographien zurückzugeben: Der Kaufpreis wird erstattet.